Folge 36 – Tanzen im Bahnhof Antwerpen Centraal

Er gilt als der viertschönste Bahnhof der Welt (laut u.a. Geo und Newsweek) – der Bahnhof Antwerpen-Centraal. Rund 540 Züge fahren täglich dort ab, 35.000 Menschen steigen an einem Wochentag im Durchschnitt ein oder aus. Manche Menschen kommen aber auch, um dort zu tanzen. 2016 fand in der Eisenbahnkathedrale ein riesiger Flashmob mit über 250 Teilnehmer statt.

https://www.youtube.com/watch?v=s_hlvRNgGOQ

Als Flashmobs werden scheinbar spontane Menschenaufläufe bezeichnet, bei denen Menschen, die sich nicht erkennbar kennen oder zusammen gehören, dasselbe tun. Erste Grundgedanken des Flashmobs lassen sich z.B. in den Die-ins der 60er Jahre erkennen, in denen sich Menschen plötzlich wie tot auf den Boden legten, um z.B. gegen die Neutronenbombe oder den NATO Doppelbeschluss zu protestieren.

Eine weniger politische Vorform des Flachmobs kam von dem Niederländischen Regisseur Will Spoor. Dieser führte in den 90er Jahren das „Zebra Theater“ auf, bei dem immer scheinbar willkürlich Leute in der Fußgängerzone einer Stadt ausgewählt wurden und ungeprobt begannen mit ihm Theaterstücke aufzuführen.

Der eigentliche Vater des heutigen Flashmobs ist allerdings der Journalist des New York Time Magazins Bill Wasik. Er koordinierte 2003 über hundert Leute, welche in ein Kaufhaus gingen. Auf Nachfragen der Verkäufer verkündeten diese, dass sie ein Kollektiv seien, das in einem Lagerhaus am Stadtrand lebe, einen „Liebes-Teppich“ suche und Kaufentscheidungen grundsätzlich gemeinsam treffe. Gleichzeitig begann eine andere Gruppe in einer Hotellobby für exakt 15 Sekunden zu applaudieren.

Mit diesen Aktionen wollte er sarkastisch die technophile Web-Generation vorführen, die in ihrem Drang, bei der nächsten großen Sache mit dabei zu sein, alles täte, egal wie sinnfrei es wäre.

Doch anstatt den Spiegel zu erkennen, der ihr vorgehalten werden wollte, sprang diese Generation begeistert auf den Zug auf – Wasik hatte einen Nerv der Zeit getroffen und seine Aktionen wurden ohne ihren gesellschaftskritischen Hintergrund sofort überall in der USA und Europa nachgeahmt.
Die Welle ebbte zwar kurzzeitig ab, seit 2007 sind Flashmobs jedoch wieder stark im Trend. Überall auf der Welt, auch in Deutschland, werden sie für politische und unpolitische Aktionen genutzt. In Massen wurden Liegestützen gemacht, stillgestanden, Burger gekauft, vor dem Kölner Dom traf man sich zur Kissenschlacht. Selbst die Gewerkschaft Verdi demonstrierte in Form von Flashmobs. Mit am beliebtesten sind Tanzflashmobs. Am 14.02.2014 fand z.B. der „One Billion Rising“ Tanz-Flashmob gegen Gewalt gegen Frauen vor dem Brandenburger Tor in Berlin statt, am Odeonsplatz tanzten Menschen den Sirtaki um zu verdeutlichen, dass alle Menschen gleich sind. Hunderte von Heiratsanträgen wurden choreografiert und selbstverständlich diente der ein oder andere Flashmop auch schon als Werbekampange einer Marketingstrategie.

Der Greese Flaschmop am Antwerpener Bahnhof sollte beispielsweise auf den Start des Musicals Greese in der Music Hall zwei Wochen später hinweisen.